4. Juli – Amerika und Biebertal

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Auf ein Bild passt oft nur ein Teil des Mammutbaumes

Manche Artikel kommen eher zufällig zustande. Der 4. Juli hat noch keinen Beitrag, amerikanischer Unabhängigkeitstag fällt mir ein. Also gucke ich doch mal, ob es da Berührungspunkte zwischen Amerika, Amerikanern und Biebertal gibt. Hier lesen Sie ein paar gesammelte Schnipsel.

Der große Mammutbaum im Wald von Fellingshausen wird liebevoll auch „Der Amerikaner“ genannt. Warum ist das so? Der Riesenmammutbaum (Sequoiadendron  giganteum) stammt aus Amerika. Er ist an der Westküste Kaliforniens zu Hause. Dort wird er auch als Redwood bezeichnet und bildet  Wälder mit riesigen immergrünen Bäumen, die einen Stammumfang von über 20m haben und über 3000 Jahre alt werden können. Der Fellingshäuser Amerikaner wurde vor 59 Jahren gepflanzt, ist also über 60 Jahre alt.

Am 27. März 1945 fielen amerikanische Bomben auf Frankenbach.

Am 28. März kamen die ersten amerikanischen Truppen nach Bieber – und retteten dadurch den evangelischen Pfarrer vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

1946 – 1951 war W. Reeh Brandmeister in Frankenbach. Für dessen Feuerwehr besorgten die Amerikaner die erste Motorspritze. Gibt es die noch? Schade, dass die Biebertaler Feuerwehren beim „Größten Blechfestzug Hessens (Gießener Anzeiger), der auch am 4. Juli stattfindet, nicht mitmachen. Um 10.00 geht/ging es in Krofdorf los, um 14.00 will man in Grünberg sein.

Andreas Taddey von den Grünen Biebertal besitzt zwei amerikanische Collies. Da denke ich an Lassie.

Ich fand vier Firmen, die mit Amerika zu tun haben:

  1. Crowley-Vermögensplanung, Biebertal, Hauptstraße 2H.
    Herr Crowley sagt:  Da ich sowohl einen deutschen als auch amerikanischen Hintergrund habe, versuche ich das Beste aus zwei Welten zu vereinen. Mit Deutschland verbinde ich Zuverlässigkeit, Präzision und hohe Qualität. Mit Amerika hingegen Service und Dienstleistungsbereitschaft, hohe Flexibilität sowie den Willen etwas Positives zu erreichen und niemals aufzugeben.

2. Die ehemalige optische Firma Schölly (Robotic Endoskopie) im Industriegebiet wurde 2019 an die amerikanische Firma „Intuitive Surgical“ Ltd. verkauft, die mit dem Da Vinci-System arbeitet. https://www.intuitive.com/en-us/products-and-services/da-vinci/systems

3. Die Temetum GmbH  ist in der Karlstraße 19 – 21 zu Hause und vermarktet „The american way of lemonade“ in Deutschland. Ahoi-Brausepulver in Tüten für 5 Pfennige ist den Älteren noch bekannt. Bei Temetum gibt es sie in 0,33l Dosen. https://www.temetum.eu/

4. Die Blutegelzucht: Amerikanischen Forschern ist es gelungen, Blutegel-Nervenzellen mit einem Computer zu verbinden. Der Computer schickte Signale an die Zellen, die daraufhin korrekt eine Addition vollzogen. Der Versuch gilt als erster Schritt zum „schlauen Computer“, der selbstständig nach Problemlösungen sucht. (Aus dem Artikel „Rüdiger ist Rentner, verbringt seinen Lebensabend in Biebertal, TAZ-Archiv).

Etwas hat mich bei der Suche sehr aufgestört, auch weil ich noch nie davon gehört hatte: In Biebertal gab es eine Außenstelle des Strafgefangenenlagers West-Emsland. Die im Lager verbliebenen etwa 450 Häftlinge – zumeist Kranke – wurden am 11.04.1945 von amerikanischen Truppen befreit. Und dann klärte sich das Rätsel auf. Gemeint ist ein kleiner, heute nicht mehr selbständiger Ortsteil von Lendringsen im Sauerland, das selber zu Menden gehört. (Kurt Kl. Ehemaliger Gefangenen.-Lagerschreiber des Strafgefangenenlagers Lendringsen, Menden, an den Bürgermeister von Lendringsen am 23.06.1949, Stadtarchiv Menden, Amtsarchiv Menden, Nr. 1578-607).

Gastronomie, Spielwiesen, Bach, Friedensdenkmal,
Grillhütte, Volieren und Familienfrühstüc
k

Heutzutage scheint ein Besuch im „Freizeitzentrum Biebertal“ wie überhaupt in ganz Menden lohnend zu sein. Es gibt einige schöne Höhlen, den Hexenteich, die Hönne, aussagestarke Holzskulpturen, das westfälische Kettenmuseum und das KiKI Island https://www.kiki-island.de/infos/attraktionen; Fahrzeit 2-2,5 Stunden, also die richtige Entfernung für ein Wochenende.

Quellen: Internet
Fotos: Mammutbaum: Alfons Lindemann; Freizeitzentrum Biebertal: Eveline Renell; übrige: Firmen

Eibenstock – 30 Jahre Partnerschaft

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30 Jahre partnerschaftlicher Beziehung zwischen Eibenstock und Biebertal

Sie werden immer seltener, die Begegnungen von Menschen aus Eibenstock in Sachsen und Biebertal. In diesem Jahr ist es aber ein rundes Jubiläum seit der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden. Genau 30 Jahre sind seit dem vergangen, Jahre des Kennenlernens, des anfangs recht intensiven Austausches von Besuchen, Begegnungen auf politischer und Vereinsebene.

In diesen 30 Jahren haben viele Biebertaler die schöne Bergstadt Eibenstock mit ihren Stadtteilen, Blauenthal, Wildenthal, Carlsfeld und Sosa besucht. Und viele bestiegen den 1018 Meter hohen Auersberg, ließen sich im Hotel am Bühl mit den angrenzenden Badegärten verwöhnen und schlossen persönlich Freundschaften.

Doch wie kam es überhaupt zu dieser Partnerschaft? Bereits 1958 gab es eine Patenschaft des Evangelischen Kirchenchores Rodheim und der kirchlichen Gemeinschaft in Eibenstock. Daraus entstanden persönliche Freundschaften, die sich über die Jahre hinweg weiterentwickelten. Die Eheleute Spaltner aus Rodheim waren eng mit einer Familie aus Eibenstock befreundet und so lag es nahe, dass die CDU Fraktion in der Biebertaler Gemeindevertretung im Jahre 1990 einen Antrag einbrachte, mit dem Ziel, eine freundschaftliche Beziehung mit Eibenstock einzugehen.

Die Sächsische Stadt im Osterzgebirge hat ca. 8.000 Einwohner und 4 Stadteile. Nach dem Ende der DDR und den ersten freien Wahlen im Jahre 1990 wurde der damals 29-jährige Uwe Staab (CDU) zum Bürgermeister gewählt. Im Mai 1991 reiste dann der damalige Bürgermeister von Biebertal, Günter Leicht, nach Eibenstock und unterzeichnete mit Uwe Staab die Partnerschaftsurkunde.

Peter Kleiner, Biebertals Erster Beigeordneter erinnert sich an seinen ersten Besuch in Eibenstock im Frühjahr 1990 mit einer Delegation der CDU Biebertal. „Wir waren beeindruckt vom herrlichen Rathaus, den historischen Gebäuden, die vom einstigen Wohlstand der Stadt zeugten aber auch vom Verfall, verursacht durch 45 Jahre sozialistischer Mangelwirtschaft.“ Die Wahl von Uwe Staab zum Bürgermeister erwies sich als Glücksfall. Er verstand es, die Stadt mit Zuschüssen des Bundes und Landes Sachsen zu modernisieren, den Verfall zu stoppen und sich für den Tourismus zu öffnen.  Sein unermüdliches Engagement wurde von der Bevölkerung gewürdigt, denn er ist immer wieder und das bis heute als Bürgermeister wiedergewählt worden.

Peter Kleiner erinnert sich gern an die Feier zum 10-jährigen Bestehen der Partnerschaft im Jahre 2001 im Bürgerhaus Rodheim. Eine zahlreiche Delegation angeführt von Uwe Staab reiste aus Eibenstock an und man feierte ausgiebig. Seit dem hängt im Sitzungsraum des Bürgerhauses Rodheim ein Abguss des Wappens von Eibenstock.

Im Jahre 2005 feierte die Stadt Eibenstock ihr 850-jähriges Gründungsjubiläum. Zum Festakt in Eibenstock überbrachten der damalige Vorsitzende der Gemeindevertretung Helmut Kuhl (SPD) und Erster Beigeordneter Peter Kleiner (CDU) die Grüße und Glückwünsche unserer Gemeinde. Mit dabei war der Biebertaler Männergesangverein und beteiligte sich  am Rahmenprogramm. In den letzten 15 Jahren gab es dann nur wenige offizielle Begegnungen. Umso schöner ist es, dass  inzwischen viele private  und auf Vereinsebene basierende Kontakte gibt – denn Freundschaft und Partnerschaft leben von Begegnungen der Menschen

Glück Auf! ( So grüßt man sich in Eibenstock, denn die Stadt hat eine bergmännische Tradition)

Quelle: Peter Kleiner, Krumbach – stellv. Bürgermeister

Neue Postkarten für Biebertal

Frankenbach
Fellingshausen
Rodheim
Königsberg

Die gute alte Postkarte erlebt wohl ihren 2. Frühling.
Durch SMS und WhatsApp fast vergessen, erfreut sie sich jetzt wieder großer Beliebtheit.
Auch die Büchergruppe auf Facebook, in der ich aktiv bin, hatte letztes Jahr die Idee eines Postkartenflashmobs. Da war ich auch auf der Suche nach Karten von unserem schönen Biebertal. Allerdings habe ich keine gefunden. Scheinbar hatte Rainer Rau das gleiche Problem.
Aus den Collagen von Grafik-Designer Markus Wisker, der diese bereits 2007 erstellt hatte, werden jetzt Postkarten gedruckt. Von jeder verkauften Postkarte (Preis 1,30 Euro) gehen 30 Cent und nach Abzug der Druckkosten auch der Reinerlös als Spende an die Kitas Biebertals.
Die Motive der Postkarten sind bereits in Großformat in den Ortsteilen zu sehen und bei folgenden Verkaufsstellen zu erhalten:
Postagentur Rodheim, Heimatverein Rodheim, Heimatverein Frankenbach, Sparkasse Wetzlar, Volksbank Heuchelheim, Gemeindeverwaltung.

Quelle: Gießener Anzeiger v. 19.01.21
Fotos: C. Haus

Zur Geschichte Biebertals – Großgemeinde Biebertal besteht seit 50 Jahren

Es war und ist nicht immer alles einfach, sechs Ortsteile unter einen Hut zu bekommen.
Das weiß Bürgermeisterin Ortmann. Doch es ist schon viel zusammengewachsen.
Die Unterzeichnung der Urkunde zum Zusammenschluss war reine Männersache (v.l.): Otto Steinmüller (Fellingshausen, für den erkrankten Bürgermeister Helmut Wehn), Bürgermeister Wolf-Dieter Meckel (Rodheim-Bieber), der Erste Kreisbeigeordnete Erich Büscher (Wetzlar), Bürgermeister Ludwig Zimmer (Vetzberg), Bürgermeister Friedrich Kauß (Königsberg) und Bürgermeister Willi Herrmann (Krumbach) waren überzeugt von der Großgemeinde Biebertal.  Repros und Fotos: Meina
Die Unterzeichnung der Urkunde zum Zusammenschluss war reine Männersache (v.l.): Otto Steinmüller (Fellingshausen, für den erkrankten Bürgermeister Helmut Wehn), Bürgermeister Wolf-Dieter Meckel (Rodheim-Bieber), der Erste Kreisbeigeordnete Erich Büscher (Wetzlar), Bürgermeister Ludwig Zimmer (Vetzberg), Bürgermeister Friedrich Kauß (Königsberg) und Bürgermeister Willi Herrmann (Krumbach) waren überzeugt von der Großgemeinde Biebertal. Repros und Fotos: Meina

BIEBERTAL – Eigentlich sollte Biebertal im Jahr 2020 ganz im Zeichen der Gründung der Gemeinde vor 50 Jahren stehen. Doch Corona-bedingt wurde daraus bekanntlich nichts. Ob die Feierlichkeit nachgeholt wird, bleibt offen. Dennoch lohnt es sich, einmal zurück-, aber auch nach vorn zu blicken.
„Die Vereinigung von Königsberg, Rodheim-Bieber, Fellingshausen, Krumbach und Vetzberg war damals von oben gewollt“, weiß Elke Lepper, die Vorsitzende der Gemeindevertretung. Die Gebietsreform sollte in ganz Hessen neue, größere Verwaltungseinheiten schaffen und Synergien nutzen.
Das Problem: Die Anforderungen an die bis dahin vor allem ehrenamtlichen Bürgermeister wurden immer größer. Als Großgemeinde konnte man sich die nötigen Verwaltungsmitarbeiter und einen hauptamtlichen Rathauschef leisten. Doch bis dahin brauchte es einiges an Überzeugungsarbeit, wie sich Lepper erinnert.
Die Idee des Zusammenschlusses entstand bereits im Januar 1970 bei einem Gespräch zwischen Vertretern der SPD und der FWG in Fellingshausen.
Man wollte zunächst mit der Doppelgemeinde Rodheim-Bieber Gespräche führen. Ende Juli stimmten dann die Gemeindevertreter in Rodheim-Bieber – wenn auch mit einigen Bedenken – der Idee zu.
Vier Tage später wurde das Angebot auf Krumbach ausgedehnt.
„Frankenbach wurde nicht gefragt, da sie sich bereits für einen hauptamtlichen Bürgermeister entschieden hatten“, erläutert Lepper.
Frankenbach kam erst am 1. Januar 1977 zur Großgemeinde hinzu, nachdem sich dessen Bürger bei einer Volksbefragung mit großer Mehrheit für Biebertal und gegen Hohenahr ausgesprochen hatten. Fellingshausen und Vetzberg traten dem Zusammenschluss am 21. und 23. August 1970 bei.
Die Königsberger taten sich deutlich schwerer. So ließ eine Bürgerumfrage auf massiven Widerstand schließen: 64 Prozent stimmten gegen einen Zusammenschluss. Doch das währte nicht lange. Eine Unterschriftensammlung drei Wochen später ergab das Gegenteil. Dieses Mal stimmten 69 Prozent für die Fusion.
Als der Vertrag am 1. Dezember 1970 vom Ersten Kreisbeigeordneten aus Wetzlar an den neuen Interims-Bürgermeister – den bisherigen Bürgermeister von Rodheim-Bieber, Wolf-Dieter Meckel – übergeben wurde, änderte sich zunächst nicht viel.

Ganz faktisch aber zunächst der Name, die Größe und Einwohnerzahl.
Für „Biebertal“ entschied man sich recht schnell, vor allem die Vetzberger und Bieberer sprachen sich dafür aus. „Königsberg wollte lieber Dünsbergen oder Dünsbergtal“, weiß Lepper. Doch sie wurden überstimmt.

Die Großgemeinde erstreckte sich nun über 3400 Hektar, wobei Königsberg mit 1226 Hektar flächenmäßig knapp der größte und Vetzberg mit 66 Hektar der kleinste Ortsteil ist.
8118 Einwohner hatte Biebertal nun.
Als Frankenbach dazu kam, war die Gemeinde 4400 Hektar groß und hatte knapp 10 000 Einwohner.

Früh gab es ein erstes kleines Beben.
Im Januar 1971 wurden die ersten Gemeindevertreter gewählt – mit einer Überraschung. Im sonstigen „roten“ Kreis Wetzlar, zu dem Biebertal damals gehörte, stimmte die Mehrheit (2384) für die Freie Wähler-gemeinschaft Biebertal (zehn Sitze), während die SPD 2173 Stimmen und neun Sitze erhielt.
Interims-Bürgermeister Meckel soll daraufhin geäußert haben, „mit diesen Pharisäern“ nicht zusammen-arbeiten und nicht für das Bürgermeister-Amt kandidieren zu wollen. Somit stellte die FWG mit Helmut Bechlinger einen eigenen Bürgermeister.
Nun gab es zwar eine gemeinsam gewählte Gemeindevertretung, aber dennoch beäugten sich die Bürger noch kritisch. „Es war einerseits zwar freiwillig, aber doch auch von oben bestimmt. Da braucht man Zeit.
So etwas hat ja auch immer mit Identität zu tun, mit Wurzeln.
Ich denke schon, dass es damals wie heute wichtig war, dass etwa Krumbach Krumbach bleibt, auch wenn es unter Biebertal fällt“, sagt Bürgermeisterin Patricia Ortmann, die damit eine zentrale Befürchtung von damals anspricht: Die Sorge, dass dem Einzelnen etwas weggenommen wird. „So etwas muss wachsen, es muss sich mit den Bürgern, der Wirtschaft und der Verwaltung entwickeln.“
Dazu gehörte auch, die Sorge ernst zu nehmen, dass Rodheim-Bieber alles bekommt und in den entlegeneren Ortsteilen nichts bleibt. Doch dafür sorgte bereits das Land mit der Vorgabe, dass in jedem Ortsteil eine bestimmte Infrastruktur bleibt oder entstehen muss, wie ein Bürgerhaus.
„Das war eine wichtige Entscheidung, denn es ist auch heute noch ungemein wichtig, dass man einen Mittelpunkt im Ort hat“, betont Ortmann.
Auch war der Bürgermeister damals verpflichtet, eine wöchentliche Bürgersprechstunde in jedem Ort abzuhalten. Diese gibt es heute nicht mehr. Umso wichtiger findet es Ortmann, dass die Bürger in jedem Ortsteil Ansprechpartner im Ortsbeirat haben.
Lepper, die 1970 der Liebe wegen nach Biebertal – genauer Königsberg – zog, erinnert sich noch, dass es vor allem in den ersten Jahren immer wieder zu Sticheleien kam. „Man muss sich klar machen, dass jeder Ort gewachsen ist. Selbst die Dialekte sind teils unterschiedlich. Und plötzlich war man eins.“
Maibäume wurden geklaut und selbst Ehen über die Ortsgrenzen hinaus waren lange Zeit nicht gängig.
Es gab aber auch Berührungspunkte, wie etwa die Schule. Die Kinder aus Königsberg, Vetzberg und Rodheim-Bieber wurden zusammen unterrichtet, es entstanden Freundschaften.
Ähnlich ist es auch heute noch. In Fellingshausen gehen immer noch die Kinder aus Krumbach und Frankenbach in eine Grundschule. Auch in der Vereinsarbeit näherte man sich an.
Lepper weiß noch, „dass der Chor in Königsberg 1975 sein Jubiläum feierte und dazu auch die Chöre aus den anderen Ortsteilen einlud, die gerne mitmachten.“
Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit ist laut Ortmann die Teilnahme an der „Tour der Hoffnung“ 2019.
„Alle haben an einem Strang gezogen und wir haben gezeigt, wie gut man miteinander funktioniert und was man schaffen kann, wenn man etwas gemeinsam anpackt.“
Ähnlich gehe man das nun mit dem neuen Stützpunkt für vier Feuerwehren an. „Auch wenn die Zusammenarbeit auch mal holprig war, ist das ein riesen Schritt und zeigt, wie gut wir zusammengewachsen sind.“ Schließlich müsse man gemeinsam in die Zukunft gehen, „alleine geht es nicht“.
Ein künftiges Ziel ist eine bessere Verbindung zwischen den Ortsteilen – per Fahrrad und per Bus. Da gehe es auch um die Verbindung nach Wettenberg und Gießen.
Als Flächengemeinde mit teils längeren Wegen sei es wichtig, mit der Zeit zu gehen.
„Wir wollen die Verwaltung so gut wie möglich digital aufbauen, damit man nicht für Kleinigkeiten von Königsberg nach Rodheim muss“, so Ortmann.
Dass die Rathauschefin keine Ur-Biebertalerin ist, sieht sie mittlerweile als Vorteil. Sie habe völlige Neutralität, keine Präferenz für einen Ortsteil. „Ich denke, dass man mir deshalb auch mit Geduld begegnet, aber ich muss auch liefern. Gerade bei Dingen wie der Mehrzweckhalle in Krumbach.“

Quelle: Jennifer Meina, >Alleine geht es nicht<, Gießener Anzeiger, 10.01.2021

Zur Geschichte Biebertals – Hof Schmitte – ein Boutique-Hotel? Nein, ein Apart-Hotel.

https://www.biebertal.de/infos-tipps/gemeindedaten/geschichte/geschichte.html

Gießener Anzeiger, 28.11.2020

Im Januar 2021 sieht es dort so aus – Vorbereitungen zu einem Apart-Hotel.

Foto: A. Lindemann

Erklärung: ein Boutique-Hotel zeichnet sich aus durch besonderes Design verbunden mit hochwertigem Service, meist in privater Hand. Beim Apart-Hotel werden kleine Wohneinheiten mit Wohn-, Schlafräumen, Küche und Bad vermietet, anders als bei einer Ferienwohnung auch für nur eine Übernachtung. Einfache Aparthotel werden gerne von Montage-Arbeitern gebucht. urlaubsguru.de/lexikon/aparthotel/

Reden zum Volkstrauertag 2020

Kranz der Vereinsgemeinschaft Fellingshausen

In diesem Jahr 2020, im Jahr der Corona-Pandemie, gibt es zwar keine Reden vor Publikum, dafür aber schriftliche Gedanken zum Volkstrauertag;
In Fellingshausen hat der Vorsitzende der Vereinsgemeinschaft Fellingshausen, Steffen Balser – wie oben
im Bild zu sehenden – seine Worte zum Lesen auf dem Friedhof am Fliegerdenkmal aufgestellt. Hier sind sie als erstes zu lesen.
Im Anschluss daran finden Sie den Text des stellvertretenden Ortsvorstehers in Fellinghausen, Dr. Alfons Lindemann. Er hatte in den Jahren zuvor versprochen, seine Reden zum Nachlesen zu veröffentlichen.


2020 – verlorenes Jahr?

Jedes Jahr im November begehen wir den Volkstrauertag und gedenken der Opfern beider Weltkriege.
Wir denken an die Soldaten, die an der Front gefallen sind, den unzähligen Menschen, die durch direkte Kriegs-handlungen getötet wurden, den zahlreichen Opfern, die durch das NS-Regime ums Leben kamen und den Menschen auf der ganzen Welt, die durch Krankheit, Not und Elend starben.
Aber erinnern wir uns nicht nur an die Opfer der vergangenen Kriege. Auch heute fallen noch immer Soldaten in den verschiedenen Regionen der Welt.

Am 9. 11. jährt sich die Reichsprogromnacht in diesem Jahr zu 82. Mal. In dieser Nacht brannten Synagogen und jüdische Geschäfte im ganzen Deutschen Reich. Tausende Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa. Aber dieser Hass richtet sich nicht ausschließlich gegen Juden, sondern gegen jeden in der Bevölkerung, der die Machenschaften der Nationalsozialisten nicht unterstützte.

Auch heute liest man in der Zeitung, dass rechte Gewalt in Deutschland wieder zunimmt. Rechtsextreme Gruppierungen erstarken und Aggression gegen Geflüchtete und Asylbewerber nehmen zu. Der Verfassungsschutz zählte im Jahr 2019 mehr als 22.300 Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund. Darunter fällt z.B. der Mord des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübke oder die Attentate vor der Synagoge in Halle und am 19. Februar in der Hanauer Innenstadt. Aber spätestens, als am 29. August 2020 ca. 400 Rechtsextremisten und Regierungskritiker versuchten das Reichstagsgebäude zu stürmen, müssen bei jedem von uns alle Alarmglocken angehen.

Das Jahr 2020 ist sowieso ein verrücktes Jahr, wie es in der Geschichte selten vorkam. Selbst in unserer gefestigten Demokratie passieren Dinge, die wir vor einem Jahr für unvorstellbar hielten. In Deutschland gibt es unzählige Einschränkungen gegen das Grundgesetz. So wird z.B. die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Religionsfreiheit, die Versammlungsfreiheit und das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung eingeschränkt. Dies alles passiert durch Verordnungen, die die Bundes- und Landesregierungen erlassen.
Es ist die Aufgabe der Regierung, dafür zu sorgen, dass die Gesundheitsvorsorge der Bevölkerung sicher gestellt wird; aber politische Debatten über Einschränkungen müssen in den Parlamenten geführt und dort mehrheitlich durch unsere gewählten Volksvertreter beschlossen werden.

Möglicherweise bietet die Cornoa-Pandemie auch eine Chance, um uns wieder auf die wichtigen Werte zu besinnen, So kümmern wir uns in dieser Zeit z.B. um unseren Nachbarn, der zum Einkaufen nicht das Haus verlassen kann, ober wir danken den Menschen im Gesundheitswesen, die mit dem Risiko leben, selbst infiziert zu werden und sich dennoch um Alte und Kranke kümmern. Wir unterstützen uns in Krisenzeiten und lassen niemand alleine, auch wenn wir Abstand halten.

Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick auf den Himmel freigeben.
Lasst uns dafür kämpfen, dass die Welt wieder ein Stück näher zusammenrückt und dass wir die Hoffnung auf eine bessere Welt nach Cornona nicht verlieren.

Denn:
„selig sind die, die Frieden stiften“

Für die Vereinsgemeinschaft Fellingshausen
Steffen Balser

Fotos: Steffen Balser

Liebe Fellingshäuser/innen,

im November, wenn das Laub von den Bäumen fällt und uns an den Tod erinnert,
gedenken wir an Allerheiligen der Toten und erinnern uns am Volkstrauertag speziell
an die Kriegsopfer und all der menschengemachten Leiden.

2020 ist in dieser Hinsicht ein besonderes Jahr.
Denn 2020 ist die Fragilität des Lebens im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie
in den Medien das dominierende Thema des Jahres.

Vielfach wird nun gewünscht: „Bleib gesund!“

Dabei hat sich – still und leise – eine Klima der Angst breit gemacht;
Angst vor Infektion, Krankheit und Tod, Angst andere anzustecken, Angst vor Beschädigungen unserer Demokratie und vor Verlust des vertrauten Lebensstils.

Ein Virus braucht Wirte, in denen er sich vermehren und überleben kann.
Sinnvollerweise gehen wir auf Abstand; wir verschleiern unsere Gesichter und desinfizieren, was das Zeug hält, womit das „Überspringen“ von Vieren verhindert werden soll.

So finden in diesem Jahr auch keine gemeinsamen Gedenkgottesdienste statt, keine Reden, kein Chorgesang. Bürgermeisterin und Ortsvorsteher/innen legen allein, stellvertretend in stillem Gedenken in den Ortsteilen von Biebertal Kränze nieder.

Das ist eine gute und richtige Vorsichtsmaßnahme, die den Respekt vor den Lebenden zum Ausdruck bringt.

Leider trägt die nun seit Monaten praktizierte Distanz, wie auch der fehlende Einblick in die Mimik unserer Mitmenschen, dazu bei unschöne Gefühle zu verstärken: das Gefühl der Unsicherheit, des Ausgeliefertseins und der bewusst gewordenen Zerbrechlichkeit des Lesens sowie eine Grundhaltung von Misstrauen und Angst.
Wie schön war es doch, als wir uns über die Nähe zu anderen das Gefühl der Zugehörigkeit versichern konnten, uns geborgen und getröstet fühlen konnten!
Wie schön war es, als wir uns ungezwungen zum Essen verabreden konnten oder dem einen oder anderen Kunstgenuss frönen, zum Eintrachtspiel fahren und uns in der Nordwestkurve dem Taumel der Gleichgesinnten hingeben oder selbst singen … und und und … konnten.

Irrwitzigerweise sprachen Politiker davon, wir seien im Krieg gegen Corona.
Nein, das sind wir nicht!
Ja, wir müssen uns mit einem Naturphänomen auseinandersetzen,
aber nicht mit einem menschengemachten Desaster.

Die Kriege, Vertreibungen, Terrorangriffe gibt es noch immer an vielen Stellen der Welt und die Opferzahlen von Krieg, Hunger und Vertreibung sind um ein vielfaches höher, als die Opferzahlen der „durch oder mit“ dem SRAS-Cov19-Virus verstorbenen.

Und auch in unserem Land sind die Wunden der letzten 100 Jahr längst nicht verheilt:
Spukgeister der Vergangenheit tauchen wieder vermehrt auf: Ressentiments, Vorurteile, Sündenbockdenken und ähnliches; manche klammern sich an längst überwunden geglaubte nationalistische und rassistische Scheinideale, wünschen sich „wissende“, bestimmende, für Ordnung sorgende, autoritäre Machthaber oder leiden an psychologischen Deformierungen und stellen die Basis unseres Wissens mit Fake Informationen und Befindlichkeiten in Frage; oder meinen, in religiösem oder ideologischem Wahn, im Besitz von Wahrheiten zu sein, die sie anderen mit Gewalt beibringen zu müssen glauben.

Darunter aber liegen sehr häufig alte Kränkung, Demütigung, Verletzung, vermeintliche Ansprüche auf Land, Bodenschätze, Wasser, Wissen usw., die als Motiv und Rechtfertigung für Gewalt, im gesellschaftlichen, wie im persönlichen, geltend gemacht werden.
Auf die psychologischen Hintergründe war ich im letzten Jahr eingegangen.
Als Ausgleich für dieses Gefühl der Schwäche bieten sich reale Macht, wie das Gefühl von Macht, aber auch Gier und Geiz als (scheinbare) Kompensation für die selbst oder von den Vorfahren erlebten Traumata an.

Die unterschwellig – über epigenetische Mechanismen und über soziale Vererbung – aus der Vergangenheit durch die Generationen weitergereichte Angst mischt sich mit einer diffusen Angst vor der Zukunft, die wegen Klimawandel, Energie- und Wasserkrisen, Strukturwandel, Flüchtlingsströmen, Artensterben usw. als bedrohlich wahrgenommen wird.
Und, es ereilte uns in diesem Jahr eine Folge der Globalisierung und der schrumpfenden Lebensräume für Tiere, die es möglich machte, dass ein bis dato tierpathogener Keim auf die Spezies Mensch übersprang und unseren gewohnten Alltag durcheinander wirbelte.

Im Verlaufe des Jahres begriffen wir allmählich: das ist unsere neue Realität!
Wieder einmal müssen wir uns anpassen und mit der gegebenen Situation fertig werden.

Wenn wir heute der Opfer zweier Weltkriege gedenken, können wir auch sehen lernen,
wie die Menschen mit anderen schrecklichen Situationen fertig geworden sind,
wie sie – gegen alle Widerstände – mit Zuversicht an die Gestaltung ihres Lebensraumes herangegangen sind.
Zusammenhalt und Zusammenarbeit war dabei ein starker Anker, positive Ziele und Hoffnungen auf Besserung beflügelten sie und sie sorgten dafür, dass es ihre Kinder einmal besser haben könnten, als es der Elterngeneration vergönnt war. Schauen wir also nach vorn, formulieren wir attraktive, erreichbare, konkrete Ziele und lernen aus dem Blick in die Vergangenheit, was wir besser machen können.

In diesem Sinne ist der Volkstrauertag, wie auch die allgemeine Entschleunigung in diesem Jahr, ein Innehalten, eine Zeit zum Nachdenken darüber, was einer und einem jeden wirklich wirklich wichtig ist in diesem Leben.

Also: Bleiben Sie alle gesund!

Dr. med. Alfons Lindemann

Zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung

Ein Wochenende im Juli 1990

Vom Mauerfall erfuhr ich mit zwei Tagen Verspätung durch die Schlagzeilen der Zeitungen, die wir an unserem Urlaubsort auf Teneriffa kaufen konnten. Was ich am 3. Oktober 1990 getan habe, weiß ich nicht mehr. Aber zwischendrin habe ich vom 13. bis 16. Juli 1990 ganz viel erlebt.

Ausstellung im Hessenpark (Fotos Hessenpark)

Rechts sieht man als weiße Linie den Grenzverlauf zwischen Nordhessen und Thüringen. Teilweise folgte die Grenze der Werra, die bei Altenburschla zwei Schleifen bildete. was in den ersten Jahren nach 1961 noch Rufkontakt ermöglichte. Meine Tour führte über Eschwege-Wanfried-Mühlhausen.

Schlangen vor den Banken zum Geldumtausch auch noch am 14. Juli (Foto: Bundesarchiv)

Übersichtskarte: Meine Strecke

Sonstige Fotos: Eveline Renell

Stolpersteine

Bild: wikipedia

Gemeindevertreter beschließen 2020 einstimmig, auch in Biebertal Stolpersteine für die Opfer des NS-Regimes zu verlegen: Fellingshäuser Str. 18 in Rodheim, Burgstraße 29 in Vetzberg.
Denn im Rahmen des Eutanasieprogramms wurden drei Biebertaler in Hadamar und Eltville ums Leben gebracht. Die Verwandten von Wilhelmine Bechlinger (1908 – 1944), Emma Belloff (1875 – 1941) stimmten der Verlegung der Steine zu.

Die Idee zu den Stolpersteinen hatte der Künstler Gunter Demnig, der 1992 mit dem Projekt begann. Die Stilpersteine sind kleinen Gedenktafeln, die an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordetdeportiertvertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Inzwischen wurden in Deutschland und in 25 weiteren europäischen Ländern Stolpersteine verlegt.

Mit dem Kölner Künstler wurde bereits Kontakt aufgenommen. Die Kosten für einen Stoperstein betragen 120,- Euro. Die SPD-Fraktion, die den Antrag eingebracht hatte, kündigte an, sich an den Kosten zu beteiligen. Frau Ortmann regte an, auch ein Denkmal für Vielfalt und Respekt an einem gut frequentierten Platz in der Gemeinde aufzustellen und Ideen dazu vorzubereiten.

Rede zum Volkstrauertag 2018 – Fellingshausen

Foto: Lindemann

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des Ortsvorstandes begrüße ich Sie zu unserer Gedenkfeier.

Der Volkstrauertag, ist in der Erinnerung an die Kriegsopfer entstanden.
Die Schrecken des Krieges sollten nie vergessen werden, … nirgendwo!

Kriegerische Auseinandersetzungen und Erfahrungen der Kindheit, der eigenen oder der von Vorfahren, hängen aus psychologischer Sicht eng miteinander zusammen.

Wir erleben das heute auf der Bundesrepublikanischen Bühne, wo 28 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands sichtbar wird, dass Integration nicht gelungen ist.
Die jeweils von der ersten Generation verdrängten Kränkungen brechen nun in Vertrauensverlust und Wut auf „die da oben“ an die Oberfläche. Das gilt sowohl für Migranten, wie auch der Ost- und Westdeutsche, die plötzlich ihre lokale bzw. nationale Zugehörigkeit betonen.
Es gibt verschiedenste Aufstellungen von Kriegsursachen. Sven Fuchs von der Uni Köln sagt: „Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an.“ Er hat eine Auflistung herausgesucht, die von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ (Ein Teil von „Panorama der Konflikte – Weltkonflikte“ unter http://www.bpb.de/die_bpb/ZTTVEX,0,PDFVersionen.html) veröffentlicht wurde.
Folgende Kriegsursachen werden aufgelistet:

  • TERRITORIALANSPRÜCHE, Konkurrenz um Grenzen und Gebiete
  • HERRSCHAFTSINTERESSEN, Durchsetzung politischer und ökonomischer Interessen durch Eliten
  • FEHLWAHRNEHMUNG, Falsche Beurteilung der Stärke und Absichten anderer Staaten
  • HERRSCHAFTSSICHERUNG, Furcht vor einer Bedrohung von außen
  • ABLENKUNG, Ablenkung von Konflikten innerhalb eines Staates
  • MACHTKONKURRENZ, Kampf um Vormachtstellungen in der Region
  • ROHSTOFFBEDARF, Konkurrenz um Ressourcen
  • INTERNER KOLONIALISMUS, Ökonomische Ausbeutung und politische Unterdrückung von
  • SOZIO-ÖKONOMISCHE HETEROGENITÄT, Auf krasser sozialer Ungerechtigkeit beruhende, bei Bevölkerungsgruppen und Regionen
  • ETHNISCH-KULTURELLE HETEROGENITÄT, Kein Interessensausgleich angesichts
    unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, die keine „einheitliche Nation“ / Gesellschaftssysteme bilden

Diese Art von Kriegsursachenverständnis ist klassisch. Wenn man sich mit den emotionalen Ursachen (und dabei vor allem belastenden Kindheitserfahrungen) von Kriegen beschäftigt, erscheint einem diese Aufstellung allerdings doch sehr lückenhaft. Mehr noch, sie geht an den tieferen Ursachen komplett vorbei!

Viele „Begründungen“ beinhalten letztlich das gleiche: Menschen bzw. Nationen (und ihre Eliten) wollen etwas haben, etwas in Besitz bringen, um sich dadurch mächtiger zu fühlen und/oder weil sie meinen, einen rechtlichen Anspruch darauf zu haben und/oder um für sich (vor allem ökonomische) Vorteile und Annehmlichkeiten zu sichern (was wiederum auch Machtzuwachs bedeutet).
Für die Erreichung dieser Ziele motivieren sie andere, in den Krieg zu ziehen.

Wenn man darum weiß, dass Menschen, die emotional lebendig sind und deren Mitgefühl nicht verschüttet ging, niemals (außer vielleicht in äußerster persönlicher Notwehr) einen anderen Menschen töten oder andere dazu motivieren könnten, dann erscheint dieses Ursachenverständnis allerdings wenig logisch.
Macht, Geld, Land, Nahrung, Häuser usw. alles toll. Aber dafür töten?
Nur Menschen, deren Emotionen erkaltet sind, können (der Macht willen) töten.
Nur Menschen, deren Emotionen erkaltet sind, können hinterher irgendwie weiterleben, mit dem Wissen um ihre Taten.

Emotionen erkalten vor allem, wenn Gewalt in der Kindheit erlebt wird.
Keine Lebensphase ist so bedeutend für die Entwicklung eines Menschen, wie die Kindheit.
Die Regionen, in denen wir heute Kriege und Terror sehen, sind nachweisbar Regionen mit sehr hohen Raten von Kindesmisshandlung – das beinhaltet sowohl Gewalt gegen Kinder, wie auch Vernachlässigung oder Indoktrination für Ziele von Erwachsenen, also Instrumentalisierung von Kindern. Zudem spielt eine hohe Anzahl an jungen Männern, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung in einer Region, eine Rolle.

Wenn man sich anschaut, dass Kriege weit höhere Kosten mit sich zu bringen, als (scheinbare) Gewinne, kann es kaum wirklich nur um Land, Öl, Geld und Macht gehen. Hitler-Deutschland und der Traum vom großen zusätzlichen Lebensraum oder gar der Weltherrschaft endete im genauen Gegenteil, dem Verlust großer Teile des Landes und der Zerstörungen der Infrastruktur und Ökonomie.
Kriege wirken ungemein destruktiv auf alle gesellschaftlichen Bereiche.
Sie behindern Innovationen und Fortschritt; binden Gelder, die in andere Bereiche investiert viel mehr einbringen würden; sie binden Personal und Führungskraft, sie schaden der eigenen Ökonomie und Gesellschaft.
Nichts spricht dafür, dass es wirklich um die oben benannten Gründe geht; auch nicht im „Kampf der Kulturen“. (Buch von Samuel P. Huntington)

Wem bringt es etwas, wenn z.B. israelische Siedler wahllos aus Rache irgendwelche Palästinenser angreifen … oder umgekeht … oder angeblich anders aussehende Menschen?

Erstere Sache ist der Zündfunke oder das „rationalisierte Ziel“, das die Menschen vordergründig gebrauchen, um ihren Hass und ihre Gewalt zu entemotionalisieren bzw. zu rationalisieren. Dahinter verbirgt sich die Tatsache, dass nur emotional gestörte Menschen, Menschen mit einem tiefen inneren Hass, der seinen Ausdruck sucht, zu solchen Taten fähig sind.
Menschen wollen hassen und wollen Gewalt, weil sie sich dadurch emotional kurzfristig befreit fühlen, „lebendig“ fühlen, Dampf ablassen können, bevor sich der Hass zu sehr gegen sie selbst richtet und sie selbst zerstört, bevor die Erinnerungen an die frühen Demütigungen zu sehr ins Bewusstsein gelangen.
Um diesen gewollten Hass bauen sie sich ein „logisches Gerüst“, das meiner Meinung nach abgerissen gehört, um den Blick auf die tieferen Ursachen freizulegen.
Das „logische Gerüst“ kommt zusätzlich je nach Region auf der Welt in anderen Formen und Farben zu Geltung. Gemeinsam ist jedoch immer wieder, dass da jemand, der als Kind schwer misshandelt wurde. Inder Folge ist so jemand voller abgespaltener Ängste, voller Wut und Hass. Doch in Irland sucht und findet er andere Feindbilder, die er aufgreifen kann, als ein Mensch mit dem selben persönlichen Hintergrund, der in Nordafrika aufwächst oder in Russland lebt etc.

(Ähnlich wie oben aufgeführt verhält es sich übrigens auch bzgl. privater Gewalt. Bei der klassischen „Beziehungstat“ – also wenn ein Mensch in einer Trennungssituation seine Partnerin/ seinen Partner umbringt, oftmals in sehr brutaler Art und Weise z.B. mit 20-30 Messerstichen – lässt sich hinterher vielleicht ein Eskalationsprozess feststellen, jahrelange Streitigkeiten um dies und das und alles, was in destruktiven Beziehungen so vor sich geht, aber erklärt das dann auch das Töten?
Ist nicht die gestörte Beziehung an sich schon ein Ausdruck von gestörten Emotionen der beiden Partner? Und ist nicht erst recht das Abschlachten des Partners/der Partnerin ein Beleg dafür, dass der Täter / die Täterin ihre Emotionen abgespalten hat?)

In der heutigen Zeit erleben wir, wie Kriege durch Mitgefühl gerechtfertigt werden.
Unsere emotionale Entwicklung ist fortgeschrittener, als sie noch Anfang des 19. Jahrhunderts oder auch davor war. Offiziell braucht es heutzutage eine andere Sprache der Politik, damit die Bevölkerung nicht revoltiert und den Krieg stillschweigend mitträgt.
Dabei bleibt auch diese „nettere“ Sprache Heuchelei und verdeckt nur, dass Entscheidungen für einen Krieg von Menschen getroffen werden, die kein Mitgefühl kennen.
Sie reden auch heute von „Moral“ und von „Mitgefühl“ für das Volk in Libyen und rechtfertigen so ihren Krieg und das Töten von Menschen. Heutige Kriege werden moralisch ausgerechnet.
Wie viele Menschen müssen wir töten, damit wie viele Menschen nicht getötet werden?
Tony Blair hat z.B. eindrucksvoll in seinem Buch „Mein Weg“ (2010) auf Seite 407 klar gemacht, dass er von 100.000 – 112.000 toten Irakern ausgeht. Davon seien aber ca. 70.000 nicht durch die westlichen Koalitionstruppen umgekommen, sondern durch religiös motivierte Gewalt…
Den Streit um Zahlen und Wahrheit lassen wir hier mal außen vor.
Blair übernimmt durch diese Aussage quasi die Verantwortung für zumindest 30-42.000 durch westliche Truppen getötete Iraker. Auf den Seiten davor und danach kommt dann seine moralische Gegenrechnung. Wie viele Kinder und Menschen hatte Saddam Hussein getötet, wie viele wären gestorben, wäre er weiter an der Macht geblieben? Sein moralischen Rechenergebnis: Ja, der Krieg war richtig, man tötete Menschen, aber viele andere konnten so gerettet werden…
Da könnten wir jetzt – diesen Gedankengang folgend – auch (wieder) anfangen, Menschen für medizinische Versuche zu gebrauchen und ihren möglichen Tod in Kauf zu nehmen, um andere, viele andere zu retten, oder?
Dann müssen wir außerdem unseren Kindern in Schule und Familie folgerichtig beibringen: Töten ist falsch, außer manchmal, alles klar? Wie erklärt man dies Kindern, dass das Töten hier falsch ist und dort richtig?

Ich versuche hier einigermaßen sachlich zu argumentieren, denn emotional lässt mich das Thema nicht kalt. Dennoch darf an dieser Stelle auch mal gesagt werden: „Ich finde diese gefühlskalte, heuchlerische Rhetorik (nicht nur von PolitikerInnen, sondern auch in Medien und Diskussionsrunden) , die vordergründig Gefühle und Mitgefühl verspricht und vorspielt, zum Kotzen! Ich finde den Militäreinsatz gegen Libyen zum Kotzen. Ich finde es zum Kotzen, dass die Welt immer noch nicht verstanden hat, dass Gewalt nicht durch Gewalt zu beenden ist.“

Ich bin überzeugt, wenn wir mehr miteinander in realen Kontakt kommen, einander wieder Nahe kommen und etwas miteinander tun und teilen, wird der Friede im Kleinen der Keim für einen Frieden im Großen. Denn: wenn nicht wir, wer denn dann?

Für mich ist der >Volkstrauertag< ein Tag geworden, der die Sehnsucht nach Frieden und Kooperation zum Ausdruck bringt.
Denn wenn „der Andere“ nicht als Konkurrent, als Feind, der mit mir um knappe Ressourcen kämpft gesehen wird, sondern als Bereicherung durch Zusammentragen von Wissen und Können, … dann sind wir in unserer Gemeinschaft deutlich besser aufgestellt.
Mir jedenfalls scheint, dass im Geben und Nehmen, im Teilen und Mit-teilen unsere menschlichen Stärken liegen.

Ich wünsche Ihnen allen viel davon; herzlichen Dank.

Dr. med. Alfons Lindemann

Stellvertretender Ortsvorsteher

Rede zum Volkstrauertag 2019 – Fellingshausen

Foto: Lindemann

Ich begrüße Sie zu unserer Gedenkfeier.

Unser Ortsvorsteher Dieter Synowszik lässt Ihnen Grüße auszurichten. Wieder hat er mich als sein Stellvertreter gebeten, die Rede zum Volkstrauertag zu halten und der Kriegsopfer zweier Weltkriege zu gedenken.

Ein solcher Gedenktag ist jedoch viel mehr …
und heute umso wichtiger, da es manche Menschen bei uns inzwischen wieder für tragbar,
ja wünschenswert, halten, dass die Würde des Menschen teilbar sei:
dass dieses Grundrecht für Juden, Muslime, Sinti, Roma, Schwule, Lesben, usw., die man als anders definiert, nicht gelten soll.

Zukunftsangst und Unüberschaubarkeit der Situation durch Klimawandel, Überbevölkerung, Globalisierung und zunehmender Egoismus sind äußere Erklärungen.
Doch das allein kann es nicht sein.
Denn aktuell sind die Spaltung von Gesellschaften und Populismus, also von eigenen Nützlichkeitserwägungen geprägte, demagogische und nationalistische Politik ein weltweit zu beobachtendes Phänomen.

Als Psychologe vermute ich aufgrund von beschriebenen Befunden und Biographien sehr stark, dass diese Reaktion inneren Beweggründen folgt, die in den Lebensgeschichten von Menschen begründet liegen.
Dazu später einige Beispiele …

Hass, Rassismus, Populismus, anti-demkratische, anti-freiheitliche und anti-gleichberechtigungs-Gedanken, Radikalität und Terror werden in unseren Alltag in erschreckendem Maße wieder salonfähig.
Angst und katastrophische Erwartungen dominieren das Denken weiter Teile der Bevölkerung und der Berichterstattungen in den Medien.
Zwar pflegten nach dem 2. Weltkrieg in der BRD, wie Studien belegen, durchgehend – quer durch alle Parteien – immer 20-30 % eine braune Gesinnung … und in der DDR wurde die Nazi-Zeit überhaupt nicht aufgearbeitet. … Stattdessen wurde ein autoritäres Regime unter neuer Flagge fortgesetzt.

Neo-Nazis waren lange offiziell eine verpönte Splittergruppe. Heute traut man sich – lange und strategisch gut vorbereitet – wieder, sich öffentlich zu zeigen und derartiges Gedankengut – die Geschichte verleugnend – für Sinnvoll zu halten.
Die Auswirkungen erleben wir gerade und nach 2015 verstärkt, ohne dass sich die Menschen an der Demagogie, der Verführung und dem manipulativen Vorgehen stören.
Sprachanalysen von AfD-Reden zeigen; wie die Redner ihr Publikum erst als Verlierer beschimpfen und abwerten, um dann als Retter aufzutreten.
Dabei ist den meisten nicht bewusst, dass hier Erinnerungen an eigene Verletzungen aus früheren Zeiten der Kindheit, wie auch kollektive Wunden aus der Geschichte benutzt werden.

Heute wissen wir, dass der Faschismus zentral keine Ideologie ist, sondern eine zerstörerische Art und Weise, eine Realität herzustellen.

Vor wenigen Tagen kam im Gießener Psychosozialverlag ein Buch der Kinderpsychoanalytikerin Anne-Lise Stern heraus, die die Deportation nach Auschwitz-Birkenau überlebt hat.

Sie  betont: „Die Kinder haben ein Recht auf einen neuen Anfang“.

Sie rechnet mit niemandem ab, sie verurteilt niemanden, aber sie entlässt auch niemanden aus der Verantwortung für die Erinnerung.

Denn will man Hass, Krieg und Verfolgung oder auch Klimasünden verhindern, muss man die eigene Geschichte verstehen, … um sie nicht wiederholen zu müssen. Denn alles was uns nicht bewusst ist, hatte Sigmund Freud (1856-1939) schon erkannt, müssen wir in Szene setzten und schmerzhaft erleben, um es zu begreifen.

Erst Bewusstsein – also Wissen – eröffnet Wahlmöglichkeiten.

Daher gilt es heute, zeitgeschichtliche Phänomene in den Blick zu nehmen, die uns aktuell leider wieder bzw. immer noch umgeben:
Zum einen sind die Auswirkungen der Weltkriege längst nicht vorbei – sowohl in den Motiven und Handlungen von Regierungen, wie auch in unseren persönlichen Leben.
Denn die Traumata von Gewalt, Hunger, Not und Vernichtung wirken auch in den nachfolgenden Generationen weiter.
Sie werden über Familiengeheimnisse, über verdrängte Schuld- und Schamgefühle, durch die Einstellungen und das Verhalten der Eltern, wie auch epigenetisch – also durch Ein- oder Ausschalten bestimmter Gene – an Kinder und Enkel weitergegeben und wirken dort unbewusst nach.

Die Zeitschrift „Der Spiegel“ hat das in seiner Ausgabe vom Dez. 2018 mit dem Artikel „Familien und ihre Geheimnisse – Wie unsere Vorfahren unser Leben prägen“ kurz uns prägnant herausgearbeitet.

Wer eine Kopie des Artikels möchte, kann sich gerne an mich wenden oder über den Link links direkt beim Verlag bestellen.

Zum anderen sind solch gravierende äußere Ereignisse immer auch Spiegelungen von (abgewehrten, also unbewusst gemachten) Erinnerungen an Situationen der eigenen frühen Lebensgeschichte.
1977 beschrieb Klaus Theweleit in seinem Buch „Männerfantasien“, dass es für die in Freikorps organisierten Vorbereiter des Nationalsozialismus strukturell darum ging, sich selbst „heil“ zu machen – durch Gewalt gegen andere …
was in der kindlichen Phantasie möglich erscheint, jedoch nie in der Realität gelingen kann.
Allein die Liebe und echter Kontakt mit gefühlter, passener Resonanz wirken heilsam.
Auch 1919/20 wurde gesagt, man müssten das „Vaterland schützen“, die „Nation retten“, aber das waren nicht die wirklichen Handlungsmotivationen.
Man muss sich vorstellen, dass damals autoritäre Strukturen üblich waren und Kinder ganz selbstverständlich geprügelt wurden, so dass sie immer Angst vor Einbrüchen von außen haben mussten.
Vielen Menschen ist es daher nicht gelungen ein Gefühl von Körperganzheit auszubilden und die Zersplitterung im Ich-Erleben zu überwinden, klare Grenzen zu entwickeln.
Ähnliche Phänomene sehen wir auch heute bei Suchtkranken.
Da war und ist ein Bedürfnis nach Gewalt, der mit dem Wunsch zu tun hat, eine Körperganzheit (Integration) herzustellen.
So kann man sich erklären, dass manche Menschen später die Außengrenzen ihres Körpers auch mit Landesgrenzen gleich setzten.
Wir haben 2015 erlebt, wie Flüchtlingsströme empfunden wurden, als würden sie in die Körper solcher Leute einströmen und nicht einfach nur ins Land.
Bereits 1933 beschrieb der Psychiater und Psychoanalytiker Wilhelm Reich in dem Buch
„Die Massenpsychologie des Faschismus“, wie Triebunterdrückung und faschistische Ideologie zusammenhängen. Er zeigte auf, wie die patriarchalisch organisierte Familie mit ihren Zwangsstrukturen
– als Keimzelle des Staates – Charaktere schafft,die sich einer unterdrückenden Ordnung, trotz Not und Erniedrigung, unterwerfen. 
Auch Erich Fromm und Max Herkheimer entwickelten – ebenfalls in den 1930er Jahren – das Konzept des autoritären Charakters, den sie voller Vorurteile, Konformität, destruktiv, autoritätsgläubig, gehorsam, rassistisch und ablehnend gegenüber dem Fremden und fremden Kulturen beschreiben.
1941 erklärt Fromm die Psychodynamik dieser Furcht und Flucht vor der Freiheit, als Angst vor einer pluralistischen, vielfältigen Welt. Der geistige Gleichmacherei verträgt keine Andersdenkenden.

Ein Erklärungspfad führt hier direkt in die Zeit nach der Geburt.
Da erlebt sich das Kind noch nicht von der Mutter getrennt und auch die Zuordnung von positiven, lustvollen und negativen, unlustvollen, schmerzhaften Aspekten des eigenen Selbst oder der umgebenden Objekt ist noch nicht entwickelt. 
In dieser Zeit sorgt der Abwehrmechanismus Spaltung – vor der wir derzeit allenthalben als gesellschaftliches Phänomen hören – in Belastungs- oder Konfliktsituationen dafür, unerträgliche Vorstellungen auseinander zu halten, …  mit dem Ergebnis, dass das eigene Selbst bzw. die Anderen ausschließlich als entweder „nur gut“ oder „nur böse“ wahrgenommen werden können.
Die Spaltung schützt die „guten“ Anteile (z.B. „die Deutschen“, „Polen“, „Türken“, die weißen US-Amerkianer) vor den eigenen Aggressionen, die in der kindlichen Phantasie Vernichtung bedeuten.
Auf diese Weise werden die zerstörerischen Impulse nun im eigenen Erleben nicht mehr bei sich, sondern so wahrgenommen, als ob sie von den anderen kommen.
So verwandelt lässt sich der Impuls im nächsten Moment, sozusagen in Selbstbverteidigung „berechtigt“ und für das eigene Selbstbild gefahrlos, exzessiv gegen den „bösen“ Anderen („den Ausländern, die mit der anderen Meinung oder gegen die, die eigene sexuelle Identität bedrohenden“) ausleben …
oder ihn, als „dem Bösen“, zumindest projektiv zuzuschreiben; so wie ein Filmprojektor ein Bild auf eine Leinwand wirft und man den Eindruck gewinnt, der Film spiele sich auf der Projektionsfläche ab, statt im Projektor.
So schützt Spaltungsabwehr akut vor überwältigenden negativen Vorstellungen von sich Selbst, vor Selbstzweifeln und Selbsthass bis hin zu selbstverletzendem Verhalten …
das dann irgendwann doch z.B. auf Adolfs Frage „wollt Ihr den totalen Krieg“ ein jubelndes „Ja“ hervorbringt.

Eine Reflektion des eigenen Tuns ist in diesem regressiven (rückgewandten, wir in früheren Zeiten und auf andere Personen reagierend) inneren Zustand, auf diesem Entwicklungsniveau, nicht möglich.
Hinzu kommt, dass diese kindliche Erlebensweise und die sich daraus ableitenden Verhaltensmuster dem Erwachsenen nicht mehr bewusst sind. Sie sind der kindlichen Amnesie anheim gefallen. So kann fast alles, was in unserer vorsprachlichen Zeit war, nicht erinnert werden, zugleich ist alles noch immer in körperlichen Reaktionsmustern sehr präsent. Es ist da, wirkt und das um so wirkungsvoller, weil wir es nicht wissen, nicht korrigieren können. Denn diese Muster funktionieren unbewusst und automatisch.
z.B. wenn der AfD-Vorsitzende Gauland  den Nationalsozialismus als historischen „Vogelschiss“ verharmlost oder der thüringische AfD-Vorsitzende Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und eine „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad fordert“.

Jegliche Form von Gewalt, Vernachlässigung oder Lieblosigkeit, die Menschen in ihrer Kindergeschichte erfahren, wirken nach.
Eindrücklich wird das klar, liest man die Biographien von Adolf Hitler, Josef Stalin, Mao Zedong, Deng Xiaoping, Donald Trump, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdoğan usw.

Heutzutage ist Mobbing der private Kleinkrieg in Schulen, am Arbeitsplatz oder im Internet.
Dabei wirkt ein System aus Täter, Opfer, Mitläufern, Zuschauern und Wegschaueren zusammen, wo wie es aus großen Kriegen bekannt ist.
Auch da ist die Erinnerung an die eigenen Verletzungen meist verdrängt und der unbewusste Selbst-Hass wird aggressiv auf andere gerichtet; dies auch um andere (mit)fühlen zu lassen, wie es dem Täter und den Mitläufern innerlich geht, während die Zuschauer und Wegschauer erneut an Pastor Martin Niemöller zu erinnern sind: der sagte 1946:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Insofern ist der Volkstrauertag nicht nur Innehalten, um über die Schrecken des Krieges früher oder überall auf der Welt nachzudenken, sondern ein lebendiger Appell und ein Tag für die Lebenden.

In diesem Sinne, gehen Sie gut mit sich und mit anderen um, …
damit wir nie wieder Krieg erleben müssen;
nicht in unseren Kinderzimmern, nicht in der Welt.

Vielen Dank
Dr. Alfons Lindemann
stellvertretender Ortsvorsteher


Die Würde des Menschen ist unantastbar

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und auf körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden. Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Ich bin mir sicher, dass diese Worte vielen von euch bekannt vorkommen. Es sind die ersten Worte unseres Grundgesetzes. Es ist ihnen eigentlich nichts hinzuzufügen. Und trotzdem stoßen wir im Alltag an unsere Grenzen, dieses Gesetz mit Leben zu füllen. Aber was hat das Grundgesetz und die Würde des Menschen mit dem Volkstrauertag zu tun? Oder anders gefragt, was hat im Panzer zu sitzen, im Kampfuboot zu hocken, oder im Schützengraben zu liegen mit der Würde des Menschen zu tun. 74 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges kämpfen deutsche Soldaten noch immer im Ausland. Können sie sich darauf verlassen, dass sie das Recht auf körperliche Unversehrtheit besitzen? Müssen wir uns nicht Gedanken machen, ob es andere Formen gibt, für Friede und Gerechtigkeit in der Welt zu sorgen, sowie es uns die Mütter und Väter des Grundgesetztes aufgegeben haben? Können wir in der Welt Frieden schaffen, wenn wir Panzer und Granaten verkaufen? Sicherlich trägt dies auch einen Teil dazu bei, dass sich weltweit immer mehr Menschen auf der Flucht befinden. Können diese Menschen sich sicher sein, dass sie nicht wegen ihrer Abstammung, ihrer Sprache oder Heimat und Herkunft benachteiligt werden, wenn sie vor Krieg in der Welt fliehen und nach Deutschland kommen? Sollten wir uns nicht lieber dafür einsetzen, dass wirklich alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind?

Zugleich gibt es immer mehr rechte Parteien in unseren Parlamenten, die die Worte unseres Grundgesetzes nicht akzeptieren. Eine Demokratie muss das aushalten, aber nicht hinnehmen. Die Aufgabe einen jeden einzelnen ist es, sich für Würde, Friede, Freiheit und Demokratie einzusetzen, wo immer sie angegriffen wird. Es heißt zwar, alles Gute kommt von oben, aber alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Was in der Verfassung steht, ist eine Sache. Eine andere Sache ist die Frage, ob und wie die in ihr formulierten Werte auch verwirklicht werden. Darauf kommt es doch an. Unser Staat ist angewiesen darauf, dass die Idee der Menschenwürde, die Grundwerte Freiheit, Gleichheit und Toleranz gelebt werden. Demokratie braucht Bürger, die sich einmischen, die Verantwortung übernehmen, die Engagement zeigen. Das Grundgesetz gibt uns die Freiheit, uns für die humane Gesellschaft einzusetzen. Nutzen wir diese Freiheit, jeden Tag aufs Neue.

Denn die Würde des Menschen ist unverhandelbar, nein, sie ist unantastbar.

Fellingshausen, 16.11.2019, Steffen Balser
Vorsitzender der Vereinsgemeinschaft Fellingshausen