Rede zum Volkstrauertag 2019 – Fellingshausen

Foto: Lindemann

Ich begrüße Sie zu unserer Gedenkfeier.

Unser Ortsvorsteher Dieter Synowszik lässt Ihnen Grüße auszurichten. Wieder hat er mich als sein Stellvertreter gebeten, die Rede zum Volkstrauertag zu halten und der Kriegsopfer zweier Weltkriege zu gedenken.

Ein solcher Gedenktag ist jedoch viel mehr …
und heute umso wichtiger, da es manche Menschen bei uns inzwischen wieder für tragbar,
ja wünschenswert, halten, dass die Würde des Menschen teilbar sei:
dass dieses Grundrecht für Juden, Muslime, Sinti, Roma, Schwule, Lesben, usw., die man als anders definiert, nicht gelten soll.

Zukunftsangst und Unüberschaubarkeit der Situation durch Klimawandel, Überbevölkerung, Globalisierung und zunehmender Egoismus sind äußere Erklärungen.
Doch das allein kann es nicht sein.
Denn aktuell sind die Spaltung von Gesellschaften und Populismus, also von eigenen Nützlichkeitserwägungen geprägte, demagogische und nationalistische Politik ein weltweit zu beobachtendes Phänomen.

Als Psychologe vermute ich aufgrund von beschriebenen Befunden und Biographien sehr stark, dass diese Reaktion inneren Beweggründen folgt, die in den Lebensgeschichten von Menschen begründet liegen.
Dazu später einige Beispiele …

Hass, Rassismus, Populismus, anti-demkratische, anti-freiheitliche und anti-gleichberechtigungs-Gedanken, Radikalität und Terror werden in unseren Alltag in erschreckendem Maße wieder salonfähig.
Angst und katastrophische Erwartungen dominieren das Denken weiter Teile der Bevölkerung und der Berichterstattungen in den Medien.
Zwar pflegten nach dem 2. Weltkrieg in der BRD, wie Studien belegen, durchgehend – quer durch alle Parteien – immer 20-30 % eine braune Gesinnung … und in der DDR wurde die Nazi-Zeit überhaupt nicht aufgearbeitet. … Stattdessen wurde ein autoritäres Regime unter neuer Flagge fortgesetzt.

Neo-Nazis waren lange offiziell eine verpönte Splittergruppe. Heute traut man sich – lange und strategisch gut vorbereitet – wieder, sich öffentlich zu zeigen und derartiges Gedankengut – die Geschichte verleugnend – für Sinnvoll zu halten.
Die Auswirkungen erleben wir gerade und nach 2015 verstärkt, ohne dass sich die Menschen an der Demagogie, der Verführung und dem manipulativen Vorgehen stören.
Sprachanalysen von AfD-Reden zeigen; wie die Redner ihr Publikum erst als Verlierer beschimpfen und abwerten, um dann als Retter aufzutreten.
Dabei ist den meisten nicht bewusst, dass hier Erinnerungen an eigene Verletzungen aus früheren Zeiten der Kindheit, wie auch kollektive Wunden aus der Geschichte benutzt werden.

Heute wissen wir, dass der Faschismus zentral keine Ideologie ist, sondern eine zerstörerische Art und Weise, eine Realität herzustellen.

Vor wenigen Tagen kam im Gießener Psychosozialverlag ein Buch der Kinderpsychoanalytikerin Anne-Lise Stern heraus, die die Deportation nach Auschwitz-Birkenau überlebt hat.

Sie  betont: „Die Kinder haben ein Recht auf einen neuen Anfang“.

Sie rechnet mit niemandem ab, sie verurteilt niemanden, aber sie entlässt auch niemanden aus der Verantwortung für die Erinnerung.

Denn will man Hass, Krieg und Verfolgung oder auch Klimasünden verhindern, muss man die eigene Geschichte verstehen, … um sie nicht wiederholen zu müssen. Denn alles was uns nicht bewusst ist, hatte Sigmund Freud (1856-1939) schon erkannt, müssen wir in Szene setzten und schmerzhaft erleben, um es zu begreifen.

Erst Bewusstsein – also Wissen – eröffnet Wahlmöglichkeiten.

Daher gilt es heute, zeitgeschichtliche Phänomene in den Blick zu nehmen, die uns aktuell leider wieder bzw. immer noch umgeben:
Zum einen sind die Auswirkungen der Weltkriege längst nicht vorbei – sowohl in den Motiven und Handlungen von Regierungen, wie auch in unseren persönlichen Leben.
Denn die Traumata von Gewalt, Hunger, Not und Vernichtung wirken auch in den nachfolgenden Generationen weiter.
Sie werden über Familiengeheimnisse, über verdrängte Schuld- und Schamgefühle, durch die Einstellungen und das Verhalten der Eltern, wie auch epigenetisch – also durch Ein- oder Ausschalten bestimmter Gene – an Kinder und Enkel weitergegeben und wirken dort unbewusst nach.

Die Zeitschrift „Der Spiegel“ hat das in seiner Ausgabe vom Dez. 2018 mit dem Artikel „Familien und ihre Geheimnisse – Wie unsere Vorfahren unser Leben prägen“ kurz uns prägnant herausgearbeitet.

Wer eine Kopie des Artikels möchte, kann sich gerne an mich wenden oder über den Link links direkt beim Verlag bestellen.

Zum anderen sind solch gravierende äußere Ereignisse immer auch Spiegelungen von (abgewehrten, also unbewusst gemachten) Erinnerungen an Situationen der eigenen frühen Lebensgeschichte.
1977 beschrieb Klaus Theweleit in seinem Buch „Männerfantasien“, dass es für die in Freikorps organisierten Vorbereiter des Nationalsozialismus strukturell darum ging, sich selbst „heil“ zu machen – durch Gewalt gegen andere …
was in der kindlichen Phantasie möglich erscheint, jedoch nie in der Realität gelingen kann.
Allein die Liebe und echter Kontakt mit gefühlter, passener Resonanz wirken heilsam.
Auch 1919/20 wurde gesagt, man müssten das „Vaterland schützen“, die „Nation retten“, aber das waren nicht die wirklichen Handlungsmotivationen.
Man muss sich vorstellen, dass damals autoritäre Strukturen üblich waren und Kinder ganz selbstverständlich geprügelt wurden, so dass sie immer Angst vor Einbrüchen von außen haben mussten.
Vielen Menschen ist es daher nicht gelungen ein Gefühl von Körperganzheit auszubilden und die Zersplitterung im Ich-Erleben zu überwinden, klare Grenzen zu entwickeln.
Ähnliche Phänomene sehen wir auch heute bei Suchtkranken.
Da war und ist ein Bedürfnis nach Gewalt, der mit dem Wunsch zu tun hat, eine Körperganzheit (Integration) herzustellen.
So kann man sich erklären, dass manche Menschen später die Außengrenzen ihres Körpers auch mit Landesgrenzen gleich setzten.
Wir haben 2015 erlebt, wie Flüchtlingsströme empfunden wurden, als würden sie in die Körper solcher Leute einströmen und nicht einfach nur ins Land.
Bereits 1933 beschrieb der Psychiater und Psychoanalytiker Wilhelm Reich in dem Buch
„Die Massenpsychologie des Faschismus“, wie Triebunterdrückung und faschistische Ideologie zusammenhängen. Er zeigte auf, wie die patriarchalisch organisierte Familie mit ihren Zwangsstrukturen
– als Keimzelle des Staates – Charaktere schafft,die sich einer unterdrückenden Ordnung, trotz Not und Erniedrigung, unterwerfen. 
Auch Erich Fromm und Max Herkheimer entwickelten – ebenfalls in den 1930er Jahren – das Konzept des autoritären Charakters, den sie voller Vorurteile, Konformität, destruktiv, autoritätsgläubig, gehorsam, rassistisch und ablehnend gegenüber dem Fremden und fremden Kulturen beschreiben.
1941 erklärt Fromm die Psychodynamik dieser Furcht und Flucht vor der Freiheit, als Angst vor einer pluralistischen, vielfältigen Welt. Der geistige Gleichmacherei verträgt keine Andersdenkenden.

Ein Erklärungspfad führt hier direkt in die Zeit nach der Geburt.
Da erlebt sich das Kind noch nicht von der Mutter getrennt und auch die Zuordnung von positiven, lustvollen und negativen, unlustvollen, schmerzhaften Aspekten des eigenen Selbst oder der umgebenden Objekt ist noch nicht entwickelt. 
In dieser Zeit sorgt der Abwehrmechanismus Spaltung – vor der wir derzeit allenthalben als gesellschaftliches Phänomen hören – in Belastungs- oder Konfliktsituationen dafür, unerträgliche Vorstellungen auseinander zu halten, …  mit dem Ergebnis, dass das eigene Selbst bzw. die Anderen ausschließlich als entweder „nur gut“ oder „nur böse“ wahrgenommen werden können.
Die Spaltung schützt die „guten“ Anteile (z.B. „die Deutschen“, „Polen“, „Türken“, die weißen US-Amerkianer) vor den eigenen Aggressionen, die in der kindlichen Phantasie Vernichtung bedeuten.
Auf diese Weise werden die zerstörerischen Impulse nun im eigenen Erleben nicht mehr bei sich, sondern so wahrgenommen, als ob sie von den anderen kommen.
So verwandelt lässt sich der Impuls im nächsten Moment, sozusagen in Selbstbverteidigung „berechtigt“ und für das eigene Selbstbild gefahrlos, exzessiv gegen den „bösen“ Anderen („den Ausländern, die mit der anderen Meinung oder gegen die, die eigene sexuelle Identität bedrohenden“) ausleben …
oder ihn, als „dem Bösen“, zumindest projektiv zuzuschreiben; so wie ein Filmprojektor ein Bild auf eine Leinwand wirft und man den Eindruck gewinnt, der Film spiele sich auf der Projektionsfläche ab, statt im Projektor.
So schützt Spaltungsabwehr akut vor überwältigenden negativen Vorstellungen von sich Selbst, vor Selbstzweifeln und Selbsthass bis hin zu selbstverletzendem Verhalten …
das dann irgendwann doch z.B. auf Adolfs Frage „wollt Ihr den totalen Krieg“ ein jubelndes „Ja“ hervorbringt.

Eine Reflektion des eigenen Tuns ist in diesem regressiven (rückgewandten, wir in früheren Zeiten und auf andere Personen reagierend) inneren Zustand, auf diesem Entwicklungsniveau, nicht möglich.
Hinzu kommt, dass diese kindliche Erlebensweise und die sich daraus ableitenden Verhaltensmuster dem Erwachsenen nicht mehr bewusst sind. Sie sind der kindlichen Amnesie anheim gefallen. So kann fast alles, was in unserer vorsprachlichen Zeit war, nicht erinnert werden, zugleich ist alles noch immer in körperlichen Reaktionsmustern sehr präsent. Es ist da, wirkt und das um so wirkungsvoller, weil wir es nicht wissen, nicht korrigieren können. Denn diese Muster funktionieren unbewusst und automatisch.
z.B. wenn der AfD-Vorsitzende Gauland  den Nationalsozialismus als historischen „Vogelschiss“ verharmlost oder der thüringische AfD-Vorsitzende Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und eine „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad fordert“.

Jegliche Form von Gewalt, Vernachlässigung oder Lieblosigkeit, die Menschen in ihrer Kindergeschichte erfahren, wirken nach.
Eindrücklich wird das klar, liest man die Biographien von Adolf Hitler, Josef Stalin, Mao Zedong, Deng Xiaoping, Donald Trump, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdoğan usw.

Heutzutage ist Mobbing der private Kleinkrieg in Schulen, am Arbeitsplatz oder im Internet.
Dabei wirkt ein System aus Täter, Opfer, Mitläufern, Zuschauern und Wegschaueren zusammen, wo wie es aus großen Kriegen bekannt ist.
Auch da ist die Erinnerung an die eigenen Verletzungen meist verdrängt und der unbewusste Selbst-Hass wird aggressiv auf andere gerichtet; dies auch um andere (mit)fühlen zu lassen, wie es dem Täter und den Mitläufern innerlich geht, während die Zuschauer und Wegschauer erneut an Pastor Martin Niemöller zu erinnern sind: der sagte 1946:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Insofern ist der Volkstrauertag nicht nur Innehalten, um über die Schrecken des Krieges früher oder überall auf der Welt nachzudenken, sondern ein lebendiger Appell und ein Tag für die Lebenden.

In diesem Sinne, gehen Sie gut mit sich und mit anderen um, …
damit wir nie wieder Krieg erleben müssen;
nicht in unseren Kinderzimmern, nicht in der Welt.

Vielen Dank
Dr. Alfons Lindemann
stellvertretender Ortsvorsteher


Die Würde des Menschen ist unantastbar

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und auf körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden. Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Ich bin mir sicher, dass diese Worte vielen von euch bekannt vorkommen. Es sind die ersten Worte unseres Grundgesetzes. Es ist ihnen eigentlich nichts hinzuzufügen. Und trotzdem stoßen wir im Alltag an unsere Grenzen, dieses Gesetz mit Leben zu füllen. Aber was hat das Grundgesetz und die Würde des Menschen mit dem Volkstrauertag zu tun? Oder anders gefragt, was hat im Panzer zu sitzen, im Kampfuboot zu hocken, oder im Schützengraben zu liegen mit der Würde des Menschen zu tun. 74 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges kämpfen deutsche Soldaten noch immer im Ausland. Können sie sich darauf verlassen, dass sie das Recht auf körperliche Unversehrtheit besitzen? Müssen wir uns nicht Gedanken machen, ob es andere Formen gibt, für Friede und Gerechtigkeit in der Welt zu sorgen, sowie es uns die Mütter und Väter des Grundgesetztes aufgegeben haben? Können wir in der Welt Frieden schaffen, wenn wir Panzer und Granaten verkaufen? Sicherlich trägt dies auch einen Teil dazu bei, dass sich weltweit immer mehr Menschen auf der Flucht befinden. Können diese Menschen sich sicher sein, dass sie nicht wegen ihrer Abstammung, ihrer Sprache oder Heimat und Herkunft benachteiligt werden, wenn sie vor Krieg in der Welt fliehen und nach Deutschland kommen? Sollten wir uns nicht lieber dafür einsetzen, dass wirklich alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind?

Zugleich gibt es immer mehr rechte Parteien in unseren Parlamenten, die die Worte unseres Grundgesetzes nicht akzeptieren. Eine Demokratie muss das aushalten, aber nicht hinnehmen. Die Aufgabe einen jeden einzelnen ist es, sich für Würde, Friede, Freiheit und Demokratie einzusetzen, wo immer sie angegriffen wird. Es heißt zwar, alles Gute kommt von oben, aber alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Was in der Verfassung steht, ist eine Sache. Eine andere Sache ist die Frage, ob und wie die in ihr formulierten Werte auch verwirklicht werden. Darauf kommt es doch an. Unser Staat ist angewiesen darauf, dass die Idee der Menschenwürde, die Grundwerte Freiheit, Gleichheit und Toleranz gelebt werden. Demokratie braucht Bürger, die sich einmischen, die Verantwortung übernehmen, die Engagement zeigen. Das Grundgesetz gibt uns die Freiheit, uns für die humane Gesellschaft einzusetzen. Nutzen wir diese Freiheit, jeden Tag aufs Neue.

Denn die Würde des Menschen ist unverhandelbar, nein, sie ist unantastbar.

Fellingshausen, 16.11.2019, Steffen Balser
Vorsitzender der Vereinsgemeinschaft Fellingshausen

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