„Ein schrecklicher Tag“ – Erinnerungen und Gedanken

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist image-682x1024.png

Verdursten, so sagt man, ist ein schreckliches, schmerzhaftes Erleben.
Wenn kein Wasser vom Himmel fällt, fehlt den Lebewesen ein existentielles Lebenselexier.
Wenn das Trinkwasser vergiftet ist, auch. Und es ist ein langsamer Tod.

Vor jetzt genau 40 Jahren habe ich dieses Büchlein in Hiroschima gekauft, nicht wissend, was ich damit einmal tun kann, wem ich das zeigen und zumuten kann.
Gerade lese ich in der Wochenendausgabe im Gießener Anzeiger (01.07.2020) den gleichnamigen Artikel, sehe das Bild vom Atompilz und erinnere mich. Der Schreck sitzt tief. Noch immer kann ich das Grauen nicht fassen, was mich damals am Memorial-Dom in Hiroshima ergriffen hat.
Ähnlich erging es mir nur auf dem Gräberfeld in Verdun, in Buchenwald und im Holocaust Memorial Museum in Washington. Wer Gelegenheit hat das zu besuchen: nicht zögern!

Offenbar braucht es viele Jahre, um über das Grauen sprechen können. Ähnlich wie bei mir gerade, sehen wir es bei den Kriegsteilnehmern, -opfern, -kindern hier, die erst im hohen Alter – nach langer Verdrängung – Worte für das nahezu Unaussprechliche finden . Hier ein History-Video.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8a/HiroshimaGembakuDome6747.jpg
Foto: Wikipedia – Friedenspark Hiroshima

Damals, friedensbewegt Anfang der 80er Jahre, habe ich mich angesichts der folgenden Bilder gewundert, wie wenige Demonstranten am Tag es Bombenabwurfes am 6. August 1945 gegen Atomkraft protestierten.
Und auch in Nagasaki, wo eine zweite Bombe am 9. August 1945 fiel, sah ich neben den wenigen Offiziellen, die der Opfer gedachten, nur wenige Demonstranten.

Fotos: Lindemann

Little Boy (englisch für Kleiner Junge) war der Codename der ersten militärisch eingesetzten Atombombe,
Die Kernwaffe mit einer Ladung aus Uran war ab Anfang 1942 im Zuge des Manhattan Projects entwickelt worden und erreichte eine Sprengkraft von etwa 13 Kilotonnen TNT.

Bei der Kernwaffenexplosion und dem von dieser initiierten Feuersturm starben unmittelbar 20.000 bis 120.000 Menschen. Viele der Überlebenden („Hibakusha“) starben an der damals noch unerklärlichen Strahlenkrankheit oder leiden bis heute an den Spätfolgen der aufgenommenen radioaktiven Strahlenbelastung. Zudem wurden sie viele Jahre sozial geächtet.

Drei Tage später wurde auf Nagasaki die zweite Atombombe Fat Man (englisch für Dicker Mann) abgeworfen.
Diese nutzte Plutonium als Spaltmaterial und war mit 21 Kilotonnen TNT-Äquivalent wesentlich stärker.

Kurz nach der Kapitulation Japans kamen amerikanische Inspektoren, um das Ausmaß der Schäden genau zu dokumentieren. Alles wurde erbarmungslos festgehalten, um zu verstehen, was man da eigentlich angerichtet hatten. Auch die Strahlenopfer wurden akribisch über viele Jahrzehnte untersucht – und nur das. Niemand wurde von amerikanischer Seite behandelt – was viele weitere Tote hätte verhindern können, die noch – wegen der strahlenbedingt geschädigten Immunabwehr – an Infektionen starben.

Um die Ihre Kapitulation hatte sich Japan, wie man heute aus historischen Quellen weiß, längst diplomatisch bemüht, so dass der Atombombenversuch völlig unnötig war. Die Tests befriedigten lediglich militärische Neugier und sollten anderen Staaten die Stärke der USA demonstrieren. Der Atombombenabwurf war also nicht notwendig, um den Krieg zu beenden, wie es von der offiziellen Propaganda verbreitet wurde.
Aber auch von japanischer Seite wurde nichts unternommen, um den 5 Stunden währenden Anflug der amerikanischen Bomber zu stoppen oder die Einwohner in den Städten zu warnen. Offenbar hatte jeder der Verantwortlichen Angst, sein Gesicht zu verlieren und der offiziellen Meinungslenkung, man stehe kurz vor den Endsieg, entgegenzutreten. Letztlich führte diese Strategie dazu, die Monarchie in Japan zu erhalten.

Angesichts solcher Bilder, solcher Informationen, kann man nur das Grausen bekommen.
Aber leider sind ähnliche Bilder seit damals all zu oft in den Nachrichten zu sehen.
Damit sind sie zwar im eigenen Wohnzimmer ganz nah, erzeugen Angst und zugleich sind sie doch so fern und stören kaum bei Pizza und Bier. Wir haben gelernt, uns von solchen Bildern und Nachrichten innerlich zu distanzieren, so zu tun, als ob uns das nichts anginge.
Wir leben mit unseren Waffenexporten und den Grundgesetztübertretungen der von hier aus gesteuerten amerikanischen Drohnenflüge oder den Atomwaffen auf unserem Boden, mit den Lebenmittelexporten nach Afrika, den Stellvertreterkriegen überall auf der Welt, den Toten im Mittelmeer usw.

Dabei ist das menschliche Leid unvorstellbar, ja tatsächlich kaum auszuhalten.
Da ist es verständlich, ja menschlich und ein Glück, dass wir verdrängen können.
Und dennoch darf nicht vergessen werden, damit wir Morgen nicht die Fehler von Gestern wiederholen!

Die Wucht der Hitze in Hiroshima ließ an manchen Stellen von einem Menschen nur noch seinen eingebrannten Schatten im Stein übrig. Viele wurden von der Wucht der Druckwelle und den umherfliegenden Splittern getroffen. Weitere verbrannten in der damals noch weitgehend hölzernen Großstadt. Und wer nicht so nah am Epizentrum der Explosion war, litt an den Folgen der atomaren Strahlung, am verseuchten Wasser, bekam Krebs oder missgebildete Kinder.

Dennoch begann Japan bereits 1954 mit einem Nuklearforschungsprogramm. Der erste Versuchsreaktor ging 1963 in Betrieb; 1966 folgte der erste kommerziell genutzte Reaktorblock. Aktuell sind – trotz des Supergaus 2011 in Fukushima 55 Reaktoren am Netz und versorgen das Land mit Energie.
Quelle: Fokus

Als 1986 das Kernkraftwerk Tschernobyl in die Luft flog und bald klar wurde, dass die radioaktiven Partikel sich mit dem Wind auch bis zu uns verbreiten, so erinnere ich, war die Sorge um unsere Kinder groß.
Aus dem Gefühl der Hilflosigkeit tauschten wir den Sand in Sandkästen aus! Im Haus bleiben! Wie mit dem Gemüse aus dem Garten umgehen? Wie den Kindern erklären?
… all das beschäftigte uns – ähnlich wie heute angesichts der anderen unsichtbaren Bedrohung: corona covid 19 sars cov 2!
Noch heute kann z.B. in Bayern kein Pilz, kein Wild aus dem Wald verzehrt werden, da alles noch immer heftig radioaktiv verstrahlt ist. Dennoch tun wir längst so, als ob es das alles nicht gäbe.

Uran hat eine Halbwertszeit von 703,8 Mio. Jahren, Plutonium-239 von 24.110 Jahren.
Die Halbwertszeit ist die Zeitspanne, in der die Radioaktivität auf die Hälfte des anfänglichen Werts abnimmt.

Halbwertszeit – Wikipedia
Bild: wikipedia

Psychologische gesehen verdrängen wir, belügen uns selbst, da wir die unangenehme Spannung, das Widersprüchliche nicht aushalten, nicht nebeneinander da sein lassen können.
Die Welt soll bitte klar, überschaubar, planbar, kontrollierbar und einfach sein!
Paradoxerweise – ohne den Widerspruch wahrzunehmen – wünschen sich viele, alle Freiheiten zu genießen (wie ein Kind und ewig jung) und zwar im Schutz (und in Abhängigkeit von) einer starken Elternfigur, die alles richtet. In der politischen Landschaft allerdings sind solche starken Führer oft problematisch. Denn die Diktatoren dieser Welt sind in der Regel traumatisierte Kinder, die letztlich ihr Trauma in den höchsten politischen Ämtern re-inszenieren und viel Unglück und Unfreiheit über die Menschen bringen.
Und auch die Vorstellung „allein“, also nationalstaatlich, könnten wir es besser haben, kann nur eine Illusion sein, da alles mit allem zusammenhängt und wir als Spezies nur gemeinsam die Chance haben, über eine längere Zeit auf dem Planeten vorzukommen. Die Dinosaurier schafften es 180 Mio. Jahre.
Die ersten menschenähnlichen Wesen lebten vor 4,2 Millionen Jahren.

Alternativ zu Modellen der Abhängigkeit und Folgsamkeit müsste (erwachsen, informiert) Eigenverantwortung übernommen werden und Entscheidungen zu Kooperation selbst verantwortet werden.
Demokratie ist eine der möglichen Lösungen, für die wir uns stark machen sollten, die wir vor Ort und im größeren Zusammenhang als gewaltfreie Kommunikation einüben könnten.

Angesichts des aktuell besonders in den Fokus gerückten Risikos, an einer Infektion zu erkranken oder gar zu sterben, scheint es derzeit nichts anderes Schreckliches zu geben, als Viren.
Die aber gibt es seit Jahrmillionen und wir haben als Spezies gelernt, damit zu leben. So wird es auch mit dem neu menschenpathogen wirksamen Corona-Virus sein. Er wird nicht aus der Welt verschwinden. Impfstoffe werden uns bedingt schützen; aber wir werden lernen müssen, mit diesem Risiko zu leben, so wie mit vielen anderen auch. Denn am Ende ist das Leben eben eine todbringende Daseinsweise.

Den Atomirrsin jedoch haben wir selbst geschaffen, der erste militärische Einsatz ist erst 75 Jahre her!
Hier liegt es in unserer Hand, ob wir da weitermachen wollen oder ob wir einen humaneren Weg finden, zusammen miteinander auszukommen.

Wir sollten nicht vergessen!
Denn, wer seine Geschichte nicht kennt, ist gezwungen vieles zu Wiederholen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.