6. und 9. August – Nachtrag zu Erinnerungen an einen Besuch in Hiroshima und Nagasaki

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Gebt mir Wasser, Berichte von Zeitzeuginnen des Atombombenabwurfs über Hiroshima und Nagasaki

Der folgende Text entstammt einem Referat bzw. einer Jahresarbeit, die Christoph Haus aus Frankenbach im letzten Jahr seiner Schulzeit schrieb:

Yoshihiro Kimura, 1945 Schülerin der 3. Klasse,
schreibt 1951 in der 9. Klasse ihre Erinnerungen auf

Jeden Tag um die Zeit musste ich das Bad heizen. Danach ging ich dann meistens an meine Hausaufgaben. Gegen fünf holte ich Vater und meine große Schwester an der Straßenbahnhaltestelle ab und wir gingen nach Hause und aßen zusammen Abendbrot. So lief ei uns damals jeder Tag ab.

Am Morgen des 6. August blieb Vater im Bett, weil er leichtes Fieber hatte. Mein Bruder kochte sich Tintenfisch, den er bei der Arbeit essen wollte. Nachdem alle das Haus verlassen hatten, waren wir noch vier: ich, Mutter, Vater und meine Schwester. Dann machten meine Schwester und ich uns für die Schule fertig. Meine Schwester ging zum Hauptgebäude, ich zu der Zweigstelle im Tempel. Ich und meine Freunde redeten über den Krieg. Da hörten wir Fliegeralarm. (Das waren die Aufklärungsflieger der Amerikaner. Anm. d. Verf.) Ich lief nach Hause und spielte dort eine Weile. Ich war das alles schon gewohnt, dann wurde Entwarnung gegeben und ich ging wieder zur Schule. Unser Lehrer war noch nicht da und so schwatzten wir miteinander.
Ungefähr um die Zeit hörten wir das Geräusch eines Flugzeugs und wir sahen es, sehr klein, am südöstlichen Himmel. (Das war der B-29-Bomber Enola Gay mit seinen beiden begleitenden Messflugzeugen. Anm.d.Verf.) Es wurde immer größer und war bald direkt über uns. Ich beobachtete es die ganze Zeit; ich wusste nicht, ob es ein amerikanisches Flugzeug oder eines von unseren war.

Plötzlich fiel etwas weißes, wie ein Fallschirm, aus dem Flugzeug. Fünf oder sechs Sekunden später wurde alles gelb. Es war, als hätte ich direkt in die Sonne geblickt. (Aufgrund der enormen Energiedichte steigen die Temperaturen im Innern der Bombe rapide auf 60 bis 100 Millionen Grad Celsius an. Anm.d.Verf.)
Dann gab es ein oder zwei Sekunden später einen gewaltigen Krach und alles wurde dunkel. Steine und Ziegel fielen mir auf den Kopf und für eine Weile war ich bewusstlos. Dann wachte ich wieder auf, weil schwere Holzstücke auf mich fielen und mich am Rücken verletzten. Ich kroch ins Freie.
Überall lagen Menschen auf dem Boden. Die meisten von ihnen waren verbrannt und ihre Gesichter waren schwarz. Mir war besser, als ich auf die Straße kam. Da spürte ich plötzlich, dass mein rechter Arm weh tat. Vom Ellenbogen bis zu den Fingern hatte sich die Haut abgelöst. Ich versuchte, den Weg nach Hause zu finden.
„Sumi-chan!“ schrie jemand. Ich drehte mich um und sah meine Schwester. Ihr Kleid war zerfetzt und ihr Gesicht völlig verändert. Wir gingen beide nach Hause, aber unser Haus war eingestürzt und niemand war da. Wir suchten in der Nachbarschaft. Als wir wieder zurückgingen, fanden wir Vater, der etwas unter dem heruntergefallenen Dach hervorzuziehen versuchte. Er gab auf und kam zu uns.
„Wo ist Mutter?“ fragte ich. „Sie ist tot“, antwortete er leise.
Als ich das hörte, hatte ich das Gefühl, man hätte mich auf den Kopf geschlagen. Ich konnte nicht mehr klar denken.
Etwas später fragte Vater: „Was ist mit deinem Kopf los?“ Ich fasste an meinen Hinterkopf. Er fühlte sich rau an und war nass von Blut.
Ein etwa zehn Zentimeter langer Nagel hatte Mutter am Kopf getroffen. Sie war auf der Stelle tot.
Dann begann es zu regnen. Die Regentropfen sahen wie schlammiges Wasser aus. Wir suchten Schutz unter einer noch schwelenden Eisenbahnbrücke. Bald hörte der Regen auf. Uns war kalt und wir gingen in die Nähe von brennenden Häusern, um uns aufzuwärmen. Es waren viele Menschen dort. Aber kaum einer unter ihnen sah normal aus. Sie hatten geschwollene Gesichter und schwarze Lippen.
Ein Mann schwenkte die japanische Fahne, als ob er den Verstand verloren hätte und brüllte „Banzai, banzai!“. ((japanisch 万歳, dt. wörtlich „zehntausend Jahre“, sinngemäß „unzählige Jahre, sehr lange Zeit“ leben) ist in Japan ein Hochruf, der Freude und Glück für „10.000“ Jahre bringen soll. Anm.d.Verf.)
Ein anderer schwankte umher und sagte: „Ich bin ein General.“
Ich war sehr durstig und ging zum Fluss, um einen Schluck Wasser zu trinken. Viele schwarze Körper von Toten trieben den Fluss hinunter. Ich musste sie immer wieder wegschieben, während ich trank.
Am Ufer lagen Leichen, einige Körper bewegten sich noch. Ein Kind weinte: „Mutter, Mutter.“
Schon jetzt dachte ich nicht weiter darüber nach, wenn ich Leichen sah. Einige Menschen kamen taumelnd die Böschung herauf und fielen dann in den Fluss und starben.
Meine Schwester fiel auf der Straße hin, vielleicht, weil sie schwere Verletzungen hatte. Vater nahm sie auf den Rücken und legte sie auf ein Stück Erde, das die Flammen schon hinter sich gelassen hatten. Gegen Abend kam mein Bruder zurück.
In jener Nacht bauten wir einen Schuppen und schliefen darin. Aber Hilferufe und qualvolles Stöhnen waren die ganze Nacht über zu hören und störten ständig unseren Schlaf. Ich döste und wachte immer wieder auf.
Es dämmerte. Mein Bruder machte sich auf den Weg zu unseren Verwandten auf dem Land, um sich einen Karren zu leihen und kam gegen drei Uhr zurück.
Dann wurden meine Schwester und ich auf den Karren gelegt und wir alle zogen los.
Als wir das Haus unserer Verwandten erreichten, brach Vater beinahe zusammen, vielleicht weil er sich jetzt keine Sorgen mehr um uns machen musste.
Als es Nacht wurde, fühlte ich mich sehr allein. Gesten Abend um die Zeit, dachte ich im Stillen, ging es Mama noch gut und jetzt ist sie tot!
Zwei meiner Geschwister wurden noch vermisst. Nur Vater, ein Bruder, eine Schwester und ich waren jetzt noch von meiner Familie übrig. Wir sagten nichts, wir starrten nur ins Leere.
Als ich zur Toilette ging, rief ich: „Mutter!“, aber Mutter war nicht mehr da. Als mir klar wurde, dass sie wirklich tot war, wurden meine Einsamkeit und meine Traurigkeit noch größer. Ich vergoß bittere Tränen.
Der Gedanke, ich würde ihr sanftes Gesicht nie wiedersehen, erstickte mich fast und mir wurde schwindelig.
Dann sagte Großmutter: „Mutter ist jetzt ein Buddha. Wenn du sie sehen möchtest musst du ihn bitten.“
Obwohl Vater sie mit eigenen Augen sterben sah, konnte ich dennoch nicht glauben, dass sie tot war.
Dann traf uns ein weiteres Unglück.
Gegen drei Uhr morgens am 15. starb meine Schwester. Als ich aufwachte, war sie schon tot.
Es muss ein schwieriger Tod gewesen sein, denn ihre Augen waren geöffnet. Sie schien mich anzustarren.
Ich schrie: „Schwester“ und schüttelte sie, aber auch sie war zu einem Buddha geworden.
An dem Tag ging der Krieg zu Ende. (In Japan am 15. August 1945)
Einige Vermisste kehrten nach und nach zurück. Ich hatte das Gefühl, dass auch Mutter zurückkehren könnte. Aber obwohl ich so darauf wartete, war natürlich jede Hoffnung umsonst. So hoffte ich, dass wenigstens meine ältere Schwester nach Hause kommen würde.
Inzwischen war mein ältester Bruder aus der Armee entlassen. Jeder Tag war voller Einsamkeit.
Allmählich gewöhnte ich mich an den Gedanken, dass meine Mutter und meine Schwester tot waren und ich begann, mich damit abzufinden.
Die sterblichen Überreste meiner älteren Schwester wurden nie gefunden, aber Vater erhielt Asche von einer Massenverbrennung.
Aber wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte meine Mutter nicht vergessen. Der liebste Mensch. Zwei meiner Schwestern waren auch sehr lieb. Mutter backte immer Pfannkuchen für mich, wenn ich aus der Schule kam. „Oh, liebe Mutter, gute Mutter! Wo bist du jetzt?“ Sie ist sicherlich an einen besseren Ort gegangen. Ich stelle mir Mutter oft im Himmel vor, wunderschön gekleidet, wie eine Göttin. Sie sagte immer: „Kinder, seid gut zueinander.“
Später zogen wir nach Hiroshima zurück und jetzt habe ich eine zweite Mutter. Aber immer, wenn es etwas gibt, über das man schwer mit anderen Menschen sprechen kann, vermisse ich meine richtige Mutter sehr.
Ich hasse den Krieg jetzt aus tiefstem Herzen.
Nur der Krieg ist Schuld daran, dass meine gute Mutter und meine Schwestern getötet wurden.
Ich hasse den Krieg. Ich möchte, dass es nie wieder einen so verabscheuungswürdigen Krieg gibt.
Krieg ist der Feind eines jeden Menschen.
Mutters Seele im Himmel wird glücklich sein, wenn wir Kriege verhindern und Frieden auf der Welt herrscht.

Quelle: Hermann Vinke – Als die erste Atombombe fiel. Kinder aus Hiroshima berichten. Ravensburger Taschenbücher, 1998

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